Rhythm is a Dancer

Es ist 1992, ein Samstag, 16:25 Uhr.
Die F-Jugend des TUS Eichlinghofen hat bereits am Vormittag erfolgreich Armina Marten rasiert und der kleine Dennis sitzt mit seiner Schwester im gemeinsamen Kinderzimmer. Zur Überbrückung blättert er in seinen Yps-Heften.
Im Radio haben Sabine Töpperwien, Werner Hansch und Manni Breuckmann gerade für 15 Minuten Sendepause.

Der BVB führt zur Halbzeit souverän gegen einen Abstiegskandidaten, sodass hier nicht mehr viel zu befürchten ist.
Die Konkurrenz aus Frankfurt hat aber gerade im Auswärtsspiel den Ausgleich erzielt und ist damit in der Tabelle wieder vorbeigezogen.
Einer von beiden wird am Ende Meister werden.

Für beide Vereine käme der Titel einer Sensation gleich, gibt es doch in Hessen sicherlich auch gleichaltrige Dennisse, die noch nie eine Meisterschaft erlebt haben.

Kein Gespräch ohne das vorfreudige Kribbeln: Wer wird Torschützenkönig: Chappi oder Yeboah? Wer ist der beste Spieler der Liga: Michael Rummigge oder Uwe Bein? Wer ist der härteste Verteidiger? Michael Schulz oder Manni Binz? Wer ist der bessere Torwart: Stefan Klos oder Uli Stein? Und die wichtigste Frage: Wer wird der Meistertrainer: Ottmar Hitzfeld oder Dragoslav Stepanivic?

Ein paar Wochen später stellte sich heraus, dass wir alle falsch lagen: Torschützenkönig wurde Fritz Walter, der beste Spieler war wahrscheinlich da schon der junge Matthias Sammer, defensiv übertrumpfte Guido Buchwald dann doch die ganze Liga, Keeper Eike Immel bekam die wenigsten Gegentore und Meistertrainer des VFB Stuttgarts wurde Christoph Daum.

Ganz großer Mist war das für mich als Dortmunder; noch schlimmer muss es aber die Eintracht-Fans gewesen sein, die im Gegensatz zu uns Schwatzgelben in den Folgejahren nicht einmal entschädigt wurden.
Für den General Ottmar Hitzfeld war das der Startschuss einer der erfolgreichsten Trainerkarrieren der Welt, Steppi hingegen sollte nur durch das schmissige Zitat „Lebe geht weiter“ berühmt bleiben (was ihm übrigens nicht gerecht wird!).

An diesem Samstag träumte ich noch von meiner ersten Meisterschaft und da ich auch schon einige Male mit ins Stadion durfte, konnte ich mir lebhaft vorstellen, was da im Radio beschrieben wurde: Stadionsprecher Günna heizt die Süd an, beim Einlauf fliegen die Bierkrawatten und bei jeder Flanke von links schallt es „Knuuuut“ durch das Westfalenstadion.

Ich war an diesem Samstag nicht anwesend, aber in unserem Kinderzimmer war ich live dabei. Schließlich konnten wir Meister werden.

Griff der Gegner an litt, ich mit, gelbe Karten verurteilte ich ungesehen als Fehlentscheidungen, ich schimpfte auf Gegner und Schiedsrichter und blickte immer wieder voller stolz auf die Kicker Stecktabelle über meinem Bett. Das gelbe BVB-Wappen war ganz oben mit dabei – das hatte es Zeit meines Lebens noch nicht gegeben.

Ich lebte dieses Spiel einfach, obwohl es etwa 4 km von mir entfernt stattfand und ich einen Torjubel nur bei gutem Wind am offenen Fenster hören konnte.

Heute kenne ich meinen Körper etwas besser und frage mich manchmal, wie viele Kalorien ich während einer Radiokonferenz wohl verbrannt habe – und ob eine solche BVB-Diät jetzt auch noch funktionieren würde.

Die Halbzeitpause hasste ich. Werbung, Verkehrsmeldungen, Nachrichten und dazu belanglose Musik.

Musik war mir 1992 (noch) nicht wichtig – die Bravo sollte erst zwei Jahre später meine Comics ersetzen, wie der Bezahlsender Premiere den Platz der Radiokonferenz einnahm – aber an diesem Tag hörten sich die Töne im Radio irgendwie  anders an.

Es war wahrscheinlich nicht wirklich die Geburt der ikonischen 90er, es war wohl nicht einmal der Startschuss des fürchterlichen Eurodance – aber mir fiel zum ersten Mal auf, dass sich Musik anders anhören kann, als auf den Pink-Floyd-Schallplatten meines Vaters, erst recht anders als die Amigos oder die Flippers auf dem Fernseher meiner Großeltern und auch anders als der Werner Beinhart-Soundtrack aus meinem eigenen quietschgelben Pumuckel-Kassettenrekorder.

Ich fand es nicht besser oder schlechter als das, was ich kannte (heute weiß ich, es war schlechter). Es war nur eben anders. Der Bass dröhnte, die Melodie war eingehend, mir bekannte Instrumente waren nicht auszumachen und das bisschen Text, was da gesungen wurde, ergab für mich damals wie heute keinen Sinn.

Rhythm is a Dancer von Snap läuft jetzt noch auf jeder 90er-Party und ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen, wie ich es damals zum ersten Mal gehört habe.
Streng genommen erinnere ich mich sogar besser, als wäre es gestern gewesen, denn was damals noch so klar und strukturiert an jeden verdammten Samstag stattfand, vermischt sich heutzutage zu einer beliebigen Masse aus Daten, Taten und Wahrnehmungen, die mit willkürlichen Hintergrundgeräuschen konturenlos den Kopf festsetzen.

Das typische Schicksal des Erwachsenen eben.

Zuletzt musste ich wieder mehrfach an das Lied denken, weil mir klar wurde, das mir genau das sehr fehlt: Der Takt, die Kontinuität, der Rhythmus.

Es gab in meinem Leben zuletzt keinen festen Plan mehr, keine Rituale, kein Samstagsfußball als Highlight der Woche. Jeder Tag war anders. Oft ging ich abends ins Bett, ohne zu wissen, wann ich anderntags zu welcher Arbeit muss. Morgens dann naturgemäßes Hochschrecken, Durchwurschteln und abends dann meist wieder (sehr) spät ins Bett. 4-5 Stunden Schlaf und dann wieder ins Hamsterrad den Terminen hinterherhecheln.
Zeit verschwenden, weil man die falsche Tasche einpackt, Schwitzen, weil man zum Zug rennen muss, Snacks am Automaten, weil man verbaselt hat, sich was mitzunehmen, den Laptop umsonst mitgenommen, weil man im Zug stehen musste – wieder nichts zu Papier gebracht…, die Liste mit Leuten, die man anrufen wollte, hat man auch wieder nicht geschafft.

Gemeinsames Essen? Keine Chance, am besten noch an einem Tisch – mit Messer und Gabel…: Ein völlig absurder Gedanke.

Die gemeinsame Mahlzeit als Symbol der Spießbürgerlichkeit hat sich für uns zur utopischen Sehnsucht entwickelt.
Das tat mir nicht gut, tat meiner Familie nicht gut, tat der Bar nicht gut.

Kurz: Es muss sich was ändern:

Und darum haben wir die Länderspielpause genutzt, um zu prüfen, wo Stellschrauben sind, an denen wir drehen können, ohne, dass die Gäste größere Nachteile erleben. Letztlich sind für euch nur zwei interessant:

1.       Verlässliche Öffnungszeiten

2.      Feste Öffnungstage

Um zukünftig mit der Qualität öffnen zu können, die ihr euch verdient, lassen wir die Bar montags und donnerstags geschlossen. Zugegeben, das geht teilweise zu Lasten der Euroleague-Fans, aber das Opfer müssen wir einfach bringen.

Bis Weihnachten gelten jetzt folgende Öffnungszeiten:

Montag                           geschlossen
Dienstag                        18:00 – Abpfiff des letzten angekündigten Spiels
Mittwoch                       18:00 – Abpfiff des letzten angekündigten Spiels
Donnerstag                  geschlossen
Freitag                            18:00 – Ende offen
Samstag                        13:00 – Ende offen
Sonntag                         13:00 – Abpfiff des letzten angekündigten Spiels

 

An den Weihnachtstagen werden wir das Ganze reflektieren. Möglicherweise bleibt es dabei, oder wir finden einen anderen Takt. Bis dahin tanzt der Fußballgott jedenfalls zu diesem Rhythmus, und ich habe donnerstags Zeit, um das Schreiben wieder zu üben - es ist dringend nötig, wie ich an der Holprigkeit der Sätze hier erkenne - aber es wird sicher wieder besser :-)

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Endspurt und aufgalopp